Die unendliche Geschichte der Zucht
aus Sicht
eines „erfahrenen“ Nichtzüchters
Kapitel I – Die Züchter
12.
Oktober 1993
Auch
Züchter gehören zu der Spezies homo sapiens, sind in ihren sporadischen
Zuchtpausen (nach meinen bescheidenen Erfahrungen) im Grunde liebenswerte, nicht
gerade unsympathische Geschöpfe mit absolut gesundem Menschenverstand, also
auch in der Lage, Konversation über ihre Zuchtsachkenntnis hinaus führen zu können.
Dieses ist jedoch in Nichtzuchtpausen zu widerrufen, da sich die Züchter dann
sowohl physisch als auch psychisch, sprich mental, in außerirdischen Regionen
bewegen und sich dort einem ehrgeizigen Zeitgeist verschrieben haben, der ihnen
befiehlt, sich pragmatisch mit einem Ziel zu befassen, ein und wirklich nur ein
Ziel stur und hartnäckig zu verfolgen und selbstverständlich zu erreichen, das
Zuchtziel!
Das
Zuchtziel ist ein Ziel, wo auch immer und von wem auch immer es abgesteckt sein
mag, von Züchtern nur in Verbindung mit den nötigen Zuchttieren,
Zuchtpersonal, sprich Zuchthelfern beziehungsweise Zuchtfamilienangehörigen,
Zuchtvereinen, Zuchtdachorganisationen, Zuchtweltverbänden,
Zuchtkonkurrenten, nationalen und internationalen Zuchtrichtern, nationalen und
internationalen Zuchtausstellungen, sowie diversen Zuchtobligationen und
Zucht-Historikern so gut wie nie erreicht werden kann, da ein Zuchtziel eine außergewöhnliche
Begabung in sich birgt, die Begabung der Flexibilität.
Flexibilität
herrscht übrigens auch unter den Züchtern! Sie lassen sich flexibel
kategorisieren, so dass wir unterscheiden müssen zwischen:
Wesensfesten
Züchtern, gesunden Züchtern, kapitalen Züchtern, selbstlosen Züchtern,
professionellen Züchtern, selbstherrlichen Züchtern, talentierten Züchtern,
Zufallszüchtern, genialen Züchtern, gestressten Züchtern, Einmal-Züchtern,
individuellen Züchtern, Hobby-Züchtern, Inzucht-Züchtern, Outcross-Züchtern
und phänomenalen Züchtern.
Letztere
kristallisieren sich dadurch heraus, dass sie (gezüchtet wird übrigens in
alphabetical order) schon bei dem Buchstaben „Z“ angelangt, sich in noch
nicht vergreistem Zustand befinden!
Dagegengestellt
sei der gestresste Züchter, der leider, meist schon in jungen Jahren, sein Amt
auf ärztlichen Rat hin niederlegen sollte und es dennoch nicht tut.
Die
wesensfesten und gesunden Züchter sind fast immer unproblematisch, sie besitzen
die Lizenz zum Züchten bis in das hohe Pensionsalter hinein und sogar, wenn möglich,
darüber hinaus.
Kapitale
Züchter züchten nicht, wie meist angenommen, aus niederen kapitalen Gründen,
nein, sie haben nichts mit den andersartigen Züchtern gemein, denn sie haben es
ja alle in Wirklichkeit überhaupt nicht nötig.
Einzuflechten
wären an dieser Stelle jedoch die professionellen Züchter, die im Gegensatz zu
Hobby- oder Einmalzüchtern angeblich nur wegen der Kohle züchten.
Die
Zufallszüchter, die Greenhorns unter den Züchtern, sind nicht aufgeklärte,
fast schon phlegmatische Wesen, die nix mitkriegen und nach 63 Tagen ihren Augen
nicht trauen und dann wieder an den Klapperstorch glauben.
Nun
kommen wir zu einer legendären Gruppe, zu einer den Zufallszüchtern weitaus überlegenen
und aufgeklärten Gattung, den Inzucht-Züchtern. Es sind meist sehr
familienbetonte Züchter, deren Zuchtgrenzen äußerst eng gesteckt sind und über
einen bestimmten Verwandtschaftsgrad nicht hinausreichen.
Ganz
anders dagegen die Outcross-Züchter, die Fremdgänger unter den Züchtern, die
schöpferisch begabten und die, im Unterschied zu den Talentierten, immer neue
Bereiche des Schaffens erschließen und somit für das Zuchtziel oftmals ein
meist positives experimentelles Überraschungsmoment darstellen.
Die
genialen Züchter, die in einer gewissen Euphorie alle anderen an Präzision übertreffenden
Züchter, besitzen absolute Priorität, haben eine Richtlinie und rutschen so
gut wie „selten“ davon ab.
Hervorgehoben
seien die individuellen Züchter, die Einzelkämpfer, die „Zucht-Rambos“,
die fast im Untergrund agieren, sich von niemandem hineinreden lassen, faule
Ratschläge rigoros abweisen und teilweise sogar ernsthaft und verbissen bekämpfen.
Deutlich ist hier die Parallele zu selbstherrlichen Züchtern erkennbar.
Zum
Schluss seien noch die selbstlosen Züchter erwähnt, die Kavaliere unter den Züchtern,
die sich in ihrer Bescheidenheit oftmals in den Ruin züchten, es zu spät
bemerken und dann gezwungen sind, von vorne und ganz anders wieder anzufangen.
Was
lernen wir daraus?
Wir
lernen daraus, dass egal,
wer man ist, wie man ist, was man ist und in fast jedem Alter Züchter werden
und sein kann, vorausgesetzt, man hält sich an gewisse Kriterien, die wiederum
von „Zucht-Gesetzgebern“ vorgeschrieben sind und somit eine natürliche
sowie ernste Thematik darstellen!
Kriterium
„A“:
Der
eigenen Phantasie sind hier „weite“ Grenzen gesetzt, und wir müssen schon
wieder unterscheiden:
Da
gibt es die Züchter mit hervorragenden geographischen Kenntnissen. Diese
verwenden meist Namen von nahe gelegenen Ozeanen, gigantischen Gebirgsketten,
wilden Strömen oder reißenden Bächen, malerischen Dörfern und Tälern, Groß-
oder Kleinstädten, baumlosen Landschaften, romantisch verträumten Seen und Tümpeln
oder einsam gelegenen Bauernschaften.
Dann
gibt es die Züchter, die Biologie-Experten, die Floristen, die auf gärtnerischer
Ebene tätig werden und Namen von blumigen oder Pflanzlichen Naturalien oder
Staudengewächsen bevorzugen.
Hinzu
kommen die fremdsprachlich begabten Züchter, die sich auf wohlklingende fremdländische,
schwer zu artikulierende und auf Anhieb nicht verständliche Namen
konzentrieren. Jedoch kann auch hier für „nicht-fremdsprachlich Begabte“
schwerlich Abhilfe durch Unterstützung eines umfangreichen Wörterbuchwälzers
geschaffen werden.
Die
kulturellen Züchter unter den Züchtern verewigen sich zwingermäßig mit Namen
von mittelalterlichen Burgruinen, unbekannten, restaurierten, schlossähnlichen
Gebäuden, verfallenen Türmen oder sonstigen Verließen.
Ganz
besonders seien hier die hersausstechenden Klassik-Fans und literarisch
veranlagten Züchter erwähnt, die auf Märchenfiguren, Teile von Trickfilmen,
Kintopp oder Volkslieder zurückgreifen.
Und
last but not least der sogenannte wissenschaftlich gestützte Züchter, der mit
gezielten elementaren Begriffen eines bestimmten wissenschaftlichen Zweiges die
„Zwinger-Nomenklatur“ bereichert.
P.S.:
Dieser Sachverhalt wurde nicht frei erfunden. Ähnlichkeiten mit zur Zeit züchtenden,
zur Zeit nicht züchtenden oder zukünftig züchtenden Züchtern sind daher
selbstverständlich rein zufällig, nicht gewollt und wenn doch, dann nicht ganz
ernst zu nehmen!

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