Der Clown

21. Mai 2001

 

Er war berühmt, war um den ganzen Globus gereist mit einem großen bekannten Zirkusunternehmen, dem er seit Jahrzehnten angehörte. Alle mochten ihn sehr, der Zirkus war seine Welt, seine Familie, denn eine eigene hatte er nicht mehr. Seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau lebte er sehr zurückgezogen, wollte sich nie wieder an jemanden binden denn zu weh hatte es getan.

Die Scheinwerfer in der Manege leuchteten zweimal am Tag für ihn und in diesen Momenten war er der Clown, der alle kleinen und großen Sorgen vergaß und glücklich war, anderen Freude zu bereiten.

Er lebte nach seinen eigenen Ritualien. War die Vorstellung beendet ging er, um nur ja nie angesprochen zu werden, schnellen Schrittes zu seinem Wohnwagen, schminkte sich ab, duschte, nahm sein Abendbrot, trank eine Flasche Bier, rauchte die einzige Zigarre am Tag und wartete darauf, dass alle Lichter erloschen. Dann erst öffnete er die Tür, atmete die kühle Nachtluft ein und machte seinen allabendlichen Rundgang vorbei an allen Tieren, mit denen er sprach und die ihm zuhörten. Ja, er glaubte feste daran, dass sie ihn verstehen konnten, denn er verstand sie. Selbst die großen Raubkatzen schnurrten wie kleine Kätzchen, legten sich auf den Rücken um offensichtlich gestreichelt zu werden, meinte er, und dass der Elefant ab und an seine Mütze stahl, störte ihn nicht weiter.

Auch an diesem Abend war es so.

Er ging zu seinem Wohnwagen zurück, öffnete die Tür, blieb jedoch stehen und lauschte einem fremden Geräusch nicht weit von ihm. Er zog die Taschenlampe aus seinem Mantel, leuchtete die Gegend ab, als ihm winselnd ein Bündel Fell entgegen kroch. Er kniete sich hin, legte seine Hand auf das Bündel, es roch nach Blut. Auf der Stelle wurde der mitreisende Tierarzt alarmiert, buchstäblich von ihm aus dem Bett geworfen um das gefundene, verletzte Hündchen zu behandeln.

Jetzt kam Leben in den Zirkus, die Lichter gingen an, fast alle waren durch den lärmenden Clown wach gerüttelt worden und selbst der noch schlaftrunkene Zirkusdirektor stand im Pyjama mitten im Geschehen. Viele helfende Hände versuchten das Tier mittels einer Decke vorsichtig in die „hauseigene“ Tierarztpraxis zu befördern. Der viel zu aufgeregte Clown wurde dort als erster rausgeworfen und begann seine zweite Zigarre zu rauchen. Immer wieder klopfte er an die Tür um zu fragen, wie es wohl dem Hündchen ginge. Nach einer geraumen Zeit erschien der Arzt an der Tür um den draußen wartenden Mitfühlenden Report zu erstatten. Ein Aufatmen ging durch die Menge als er berichtete, dass es sich lediglich um eine tiefe Risswunde am Bein gehandelt hatte, der Patient sich allerdings noch in Narkose befand, es ihm den Umständen entsprechend gut ginge und dass es sich nicht um ein Hündchen, sondern um einen nicht gerade kleinen, ausgewachsenen kräftigen, buntgemischten Rüden handelte.

Jeder bot jetzt Nachtwachendienst an; doch das war Sache des Clowns.  

Alle Knochen taten ihm vom Schlaf auf dem harten Boden weh, als er liebevoll wachgeleckt wurde. Es tat so gut.  

Die Wochen vergingen, ein Besitzer hatte sich auf die vielen Inserate nicht gemeldet. Der Clown lebte auf und hatte bei jeder seiner Vorstellungen einen Zuschauer mehr, Trester, seinen Hund

Trester saß nur da, wartete brav hinter der Manege und schaute auf sein komisches Herrchen, das zweimal am Tag so ganz anders aussah. Er beobachtete, ja registrierte und speicherte jede Bewegung seines Herrn, traute sich jedoch niemals in die Manege bis zu jenem denkwürdigen Tag.

Die Musikkapelle hörte auf zu spielen und es wurde dunkel. Ein starker Lichtstrahl fiel in die Mitte der Manege direkt auf den geigespielenden Clown und einem bei ihm sitzenden bunten Hund, der ein Jaulkonzert eröffnete. Das Publikum kreischte vor Lachen, trampelte und klatschte vor Begeisterung in die Hände. Keiner bemerkte die Verblüffung des Clowns als er sich zu seinem Hund hinabbeugte und ihn mit großen Augen anstarrte. Jetzt wurde Trester aktiv, denn er hatte durch Beobachtung gelernt und zog als erstes seinem Herrn die Hosen runter, klaute ihm den Geigenstock, lief damit kreuz und quer durch die Manege, ließ den Stock fallen, wartete bis sein Herr sich schnaubend danach bückte, wobei erneut die Hosen fielen, nahm den Stock wieder auf und das Spiel ging von vorne los. Dann wartete Trester auf den Moment, wo sich sein Herr abermals nach dem Geigenstock bückte, rannte um ihn herum, nahm Anlauf, sprang ihm in den Rücken und warf ihn um. Das Publikum, der Zirkusdirektor und das ganze Team waren begeistert über diese neue Art der Vorstellung, selbst die Musiker standen auf und spielten eigens für Trester einen Tusch.

Von diesem Tag an wurde Trester trainiert, er begriff sehr schnell, war an allem interessiert, da ihm die Arbeit mit seinem Herrn großen Spaß machte. Die Vorstellung des Clowns wurde um 5 Minuten erweitert.  

Trester lernte tagtäglich dazu und ist heute sogar auf den Zirkusplakaten mit seinem Herrn abgebildet.

Trester genießt es im Mittelpunkt zu stehen, er genießt die vielen Leckereien während der Vorstellung, er verneigte sich am Ende gemeinsam mit seinem Herrn und schmeißt ihn danach um, ja er sonnt sich im Beifall des Publikums, er bringt die Menschen zum Lachen. Er ist ein Clown!

 

 

 

Copyright© Brigitte Pick 2002