Das stinknormale Hundealphabet  
 
01. Mai 1999

 

Immer wieder fiel mir auf, wie sorgfältig, liebevoll und ernst unsere Züchter die Namensgebung ihrer Welpen betreiben, was nicht immer einfach ist. Schließlich geht es nach alphabetical order, und je nachdem, bei welchem Buchstaben man angelangt ist, wird’s  schön anstrengend. Ja, es soll sogar Züchter geben, die weit vor dem Deckakt (die Hündin befindet sich noch nicht einmal in der Läufigkeit) mit der Namenstaufe beginnen. Das macht Sinn!

Die Bezeichnung soll individuell zum Welpen passen, bildschön und aus verständlich rufbaren Silben bestehen. Dirty Harry oder Irma la Douce sind, wenn der Hund mal ausbüchst, bezaubernd lang. Außerdem möchte der Züchter den Namen im Einklang mit dem Zwingerrenommee sehen. Z.B.: Angel „von der Satansbrut“ oder Dracula „vom Knoblauchduft“ sind bestechend und passen wie die Faust aufs Auge.

Ungarische Benennungen werden immer wieder bevorzugt. Hierfür werden Lexika gestöbert, Bücher gewälzt oder Namen einfach geklaut. Bei ungarischen Zungenbrechern wird besonders auf Geschmeidigkeit und Bedeutung geachtet.  

Nehmen wir an, Ihre Welpen sind getauft, alles ist dokumentiert und die Kleinen verlassen das Nest, was passiert? Sie haben Ihren Welpenkäufern gerade erst den Rücken gekehrt, da geht es schon los. Muster: Aus einem in Niedersachsen gezüchteten, götterlich benannten Rüden wurde ein bayerischer „Poldi“. Ein anderer Rüde mit dem prachtvollen Namen eines Musketiers wurde namentlich kastriert und heißt jetzt „Missi“. „Dödel“ ist auch schon im Gespräch. Grandios! Aber es kommt noch faszinierender. Viele lassen den Rufnamen ganz weg, wohlgemerkt heimlich in ihren vier Wänden, und diese Kostbarkeiten habe ich im Laufe der Zeit gesammelt.  

Interessant sind die Ableitungen von Nagern, weit verbreitet und äußerst beliebt: Mausekind, Mauseschwänzchen, Mausezähnchen, Mauseküttel, Mäusken, Mausi.  

Wäre das „SCH“ relevant für das Züchteralphabet, hätten Sie lieber Züchter halb so viel Mühe: Schatzebubbelchen, Schätzeken, Schnuffi, Schnüffken, Schnüffelchen, Schnäutzken, Schatzhatzifatz, Schmusepitti, Schmuseköttel und Schatzemann. Formvollendet für einen kompletten Zehnerwurf!  

Weiter geht es mit Anregungen für den kleineren „K“- und „F“-Wurf: Knäulchen, Knüffken, Knöllchen, Knuddel, Flummi, Fuzzi und Flöhchen. „Fusselchen“ wird nur bei „in Abhaarung“ befindlichen Tieren benutzt.  

Der Gipfel: Butzebuddelbettelbellebeißebär. Treffend! Der Erfinder dieser herzigen Liebkosung möchte aus erklärlichen Gründen nicht genannt werden.  

Darüber hinaus gibt es auch die stinknormalen Namen, fast jeder, auch hauseigene Züchter benutzen sie, wie: Dicker, Wuschel, Kuschel, Krümel, Räuber, Rackezahn, Bärchen, Burschi oder Fuzzi. Der Hund reagiert und läuft „nach Papa“!  

Es gibt auch aggressive Namen, wenn der Hund intelligenzmäßig überschätzt wurde, so sind: Ochse, Doofkopp, Dumpfbacke oder Blödi beispielhaft und absolut angebracht.  

Ist der Hund ungehorsam oder geht nachlässig mit Ihrem antiken Mobiliar um, wird aus dem liebevoll benannten Schnuffi in Sekundenschnelle ein Drecksack, ne alte Ratte oder Misttöle. Das ist in Ordnung. Selbstverständlich würde hier Dummerle oder Schusselchen auch genügen.  

Handelt der Hund ordnungswidrig und läßt Kohlendioxyde ab, wird aus dem Liebling  kein Schweinepriester und keine Sau, sondern schlicht: Ein Stinkerle.  

Witzig ist zudem die Beobachtung der Namensgebung bei der täglichen Hundefressorgie. Sabbersocke, Sabberliese, Ferkel, Gierlappen, Küchenschabe und Fresssack sind uneingeschränkt üblich. Ich persönlich kenne einen Hundeliebhaber, der sich in dieser Situation angepasster verhält. Da werden nicht die Pötte lieblos hingeknallt, es wird professionell serviert mit der Darbietung: „Meine Süßen, es ist angerichtet“, und die Schatzebubbelchen kriegen ihr Fresschen mit einem „Guten Appetit“ und nach dem Bäuerchen ein Schmatzer aufs Mäulchen. So und nicht anders sollte es sein! 

Spannend wird's auch bei Deckakten. Die hochläufige Hündin biedert sich zündstoffgeladen dem auserwählten Rüden an. Dieser reagiert, ähnlich wie beim Fresschen, sabbernd, mit heiß geschwollenem Blick, also unter aller Kanone. Nun muss ich Sie enttäuschen, diese edlen Betitelungen aus dem  Rotlichtmilieu kamen hier nicht durch meine Zensur. Schade eigentlich!  

Zum Schluss möchte ich noch einmal nachdrücklich daraufhinweisen, dass nicht eine der hier genannten Bezeichnungen meiner Phantasie entsprungen ist, ich jemals derartige benutzt habe oder benutzen werde, und das ist nicht gelogen – oder vielleicht doch?

 

Copyright© Brigitte Pick 2002