Fibues

Der Rüde der ein Kater war (eine wahre Geschichte)

09. Februar 2002  

Über eine Kollegin meines Mannes kamen wir seinerzeit erstmalig in den Genuss einer Austauschschülerin namens Isabelle Lapàra, damals zarte 17 Jahre alt, besonders hübsch und zudem mit einem äußerst charmanten französischem Akzent in ihrer deutschen Aussprache behaftet.

Ihr großer Wunsch war es Tierärztin zu werden. Sie wuchs mit Tieren auf und verstand offensichtlich deren Sprache. Selbst unser, sich flüchtig von „Dr. Jackel“ in „Mr. Hyde“ verwandelndes „Kuvasz-Luder“, war sie wieder einmal gallig, wurde still, wedelte mit dem Schwanz und gab Küsschen wenn Isabelle ihr einige französische Worte ins Ohr flüsterte. Zuversichtlich wurde alsdann mein ohnehin schon schlampiger Erziehungsplan umgestellt: Aszia siège, s’il vous plaît! (Sitz, bitte), Aszia ma belle, arriver (komm meine Hübsche) und siehe da, ich hab’s vermasselt.

Als Dankeschön für Isabelles dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland, luden mich die Eltern auf einen 14-tägigen Urlaub nach La Touche auf ihr Gestüt ein, wo außer etlichen Pferden noch acht Hunde und ca. zwanzig Katzen logierten.

Dort spät abends angekommen erwartete mich ein 5-Gänge-Menue mit viel viel Rotwein sowie ein spartanisch eingerichtetes Zimmer mit Bodenbeleuchtung inklusive Geräusch- und Geruchkulissen, die mich trotz der maßlosen Rotweinzufuhr aufwecken ließen. Betäubt kroch ich aus dem Bett, legte mich platt auf den Boden und schielte durch die Dielen­spalte direkt in den Pferdestall auf eine Katzenfamilie. Große Katzen, ganz ganz große Katzen und ein paar kleinere Katzen lagen da, alle auf einem Haufen. Sekunden später überfiel mich dort der Schlaf, der mir zustand.

Zu einer unkultivierten Zeit, so gegen 7, trat ich angeschlagen aus meiner Tür auf den Balkon, von dem eine überdachte Holztreppe direkt in den Hof hinabführte. Diese Treppe war von oben bis unten mit Hunden gepflastert und zwar auf jeder Stufe einer. Die Namen der Hunde hatte ich mir mittels Fotos in Deutschland eingeprägt.

Stufe für Stufe (und das 14 Tage lang) fand das all morgendliche Begrüßungsritual statt. Zuerst der Rudelführer, ein Belgischer Schäferhund, der auf der obersten Stufe quartierte: „Bon jour Rebelle“, eine Stufe tiefer schlummerte seine Gefährtin, eine Berner-Sennen-Mix-Hündin: „Bon jour Bijou“; dann folgten verschiedenst aussehende Legierungen: „Bon jour Bille“ (Kügelchen), bon jour Caprice, bon jour Bonnet, bon jour Mouché, bon jour Soleil, bon jour“?.... die achte Stufe war leer, wo war Hund Numero acht?

Nachdem diese Hundehürde erfolgreich überwunden war, schlich ich mich leise in Rich­tung Pferdestall. Leider war es mir nicht möglich dort vorstellig zu werden, da ein vierbeiniger Rausschmeißer zitternd die Lefzen zog. Rebelle! Überredungsversuche mittels einschleimendem Frauchengebrabbel quittierte der Rassist fristlos und fing das Knurren an. O.k. dann auf französisch: „Beau chien, c`est bien“! Seine Drohgebärde verhärtete sich und ich sprach ihn niemals mehr wieder in seiner Muttersprache an.

Plötzlich rührte sich etwas hinter ihm, ein kleines Etwas stürmte an ihm vorbei direkt auf mich zu. Da war er ja, der Hund Nummer acht. Fibues, ein quietschvergnügter Liliputaner mit weißen Pfötchen und rehbraunem glatten Fell. Misstrauisch auf Rebell blickend, und umgekehrt, streichelte ich diesen Winzling, wobei er duckend seinen Vorderkörper streckte, sein Hinterteil hob und zudem mit einem eigenartigen Laut antwortete, vergleichbar mit dem Schnurren einer erkälteten Katze.

Im selben Moment trat Isabelles Vater Philipp aus dem Stall, grinste übers ganze Gesicht und kommandierte Rebell, der mich von da an akzeptierte. Zudem nutzte Philipp mein Frühaufstehen schamlos aus, drückte mir Striegel und Hufkratzer in die Hand, sagte vor 9 gibt’s kein Frühstück und erzählte bei dieser Plackerei die Geschichte von Fibues:

Fibues

Während eines Ausritts fanden Gäste den damals etwa drei Wochen alten Welpen, der halb verhungert irgendwo am Wegrand lag. Ein Gast steckte ihn unter seine Jacke und ritt zum Gestüt zurück, derweil die anderen erfolglos die umliegenden Höfe abklapperten. Philipp untersuchte den kleinen Rüden, schüttelte mit dem Kopf und meinte, er habe keine Überlebenschance zumal Bijou, die schon früher einmal erfolgreich als Amme tätig war, zu diesem Zeitpunkt keinen Wurf großzog. Isabelle nahm ihrem Vater daraufhin wortlos den Welpen aus den Händen, ging hinüber zum Pferdestall und legte ihn in die Nähe von der Katzenmama Manon (Mariechen), die drei Katzenbabys stillte. Sie kniete sich vor die Kätzin, molk ihr ein wenig Milch ab und benetzte damit das Hundebaby. Daraufhin geschah das Unglaubliche:

Manon verließ ihre drei Sprösslinge und schlich neugierig auf das Hundebaby zu, beroch es, drehte es mehrfach um die eigene Achse, schleckte es von vorn bis hinten ab und transportierte es zu ihren leiblichen Kindern. Sie legte sich auf die Seite und Isabelle stopfte dem Hundezwerg Manon's dickste Zitze in das Mäulchen. Obwohl noch sehr geschwächt, begann er zu trinken.

Bange Tage standen bevor, doch Fibues schaffte es mit der Unterstützung und Fürsorge von Isabelle, die ihn regelmäßig wog und bei Bedarf mit Ziegenmilch zufütterte.

Fibues war nach ein paar Tagen wohlauf, erhielt in der 4. Woche seine Breimahlzeiten gemeinsam mit seinen „Geschwistern“ und wurde zunehmend kräftiger.

Das eigentliche Drama begann aber erst ab der 10. Lebenswoche.

Fibues wollte nicht kapieren , dass er ein Hund war; seinen wahren Artgenossen trat er gegenüber, wie es Katzen zu tun pflegen; Bellen war ihm fremd. Selbst Bijou, die sich die größte Mühe gab den Knirps aus dem Katzenrudel herauszulocken, musste passen, und Rebelle, der nie im Leben einen anderen Rüden (auch keinen kleinen) in seiner Nähe geduldet hätte, sah in ihm offensichtlich und zum Glück einen Kater.

Es klang unbegreiflich was Philipp da erzählte aber es war Realität.  

Fibues der Gipfelstürmer

Ich beobachtete den seinerzeit etwa einjährigen Fibues und erlebte, wie er vor seiner Katzenmeute in einem hohen Tempo flüchtete, mehrere Male um die alte Linde kreiste, den Spieß sodann blitzschnell umdrehte und auf die Katzen zu wetzte. Der Katzenpulk stob fauchend in alle vier Himmelsrichtungen auseinander um mit sofortiger Wirkung aus allen vier Himmelrichtungen wieder loszubrechen mit dem Ziel alte Linde. „Alpha-Kater“ Fibues  war im ersten Moment ungeheuer stolz auf seine Heldentat, bis zu jenem Augen­blick, wo er versuchte selbige ebenfalls zu erklimmen. Immer wieder sprang er am Stamm hoch, rutschte ab und fiel auf’s Schnäuzchen, er begriff es nicht. Dann noch mal mit Riesenanlauf, aber auch dieser Stunt misslang. Traurig saß er da und blickte fortwährend nach oben und nicht eine der Katzen hatte Mitleid mit ihm, im Gegenteil, zehn „Stinkekrallen“ ragten aus dem Laub.  

Fibues der Mäusejäger

Fibues vergötterte Mäuse, wahrscheinlich weil diese Kreaturen noch kleiner waren. Er lauerte ihnen auf - wie es die Katzen tun, er jagte sie - wie es die Katzen tun, er stellte sie – wie es die Katzen tun. Er fraß sie und fand sie zum „Kotzen“.  

Fiebues der Katzenpappi

Mme. Lapàra behauptete niemals gesehen zu haben, dass sich Fibues für ein rollige Kätzin interessiert habe, ihr Ehemann Philipp war da ganz anderer Meinung. Fibues  muss das versucht haben, weil er oftmals mit blutiger Nase und jaulend (jaulen konnte er) vor einer davongelaufen war.

Hatten die Katzen Junge, und das kam häufig vor, durfte Fibues die Würfe hüten. Er wuchs in diesen Situationen über sich hinaus und verscheuchte sogar tapfer den großen Rebelle, der sowieso keine bösen Absichten hatte. Fibues spielte mit den jungen Katzen, brachte ihnen lebendige Mäuse und war glücklich, wenn sie sich an ihn kuschelten. Weniger glücklich war er über die Tatsache, dass auch sie schon klettern konnten.  

Fibues der Hund

Dann kam der Tag, der seinem Katzendasein ein Ende setzte. Bijou war läufig, Rebelle war vorsorglich weggesperrt und Isabelle hatte eine verrückte Idee. Sie schnappte sich Fibues und brachte ihn zu der hochläufigen Hündin Bijou. Die tänzelte um ihn herum und bot ihm das, was läufige Hündinnen so zu bieten haben begleitet mit den Worten von Isabelle: „Zeig, dass du ein Mann bist“. Fibues, deutlich irritiert, saß stumpf da und überlegte. Als relativ schnell denkender Hund merkte er plötzlich, dass sich innerlich und äußerlich etwas regte und es machte „Klick“!  Was war passiert? Unerwartet schnell vollzog sich seine Umwandlung vom Kater zum potentiellen Rüden und er stürzte kopfüber auf Bijou zu, die sich ihm entgegenwarf.

>Wirklich erstaunlich, dass ein so größenunterschiedliches Hundepaar derartige Absichten hegt<. Sie hegten! Und sie hatten Pech, Isabelle war schneller.

Alle freuten sich über die Nachricht, dass aus Fibues nun ein richtiger Hund geworden war, nur Fibues konnte diese Freude nicht so richtig teilen, seine Kastration, vor allem wegen Rebelle und wegen der allgemeinen Hundepopulation des Hofes war somit vorprogrammiert.

„Armer kleiner Fibues wärst Du doch Kater geblieben oder hättest zumindest so getan.“  

PS: Der Berufswunsch von Isabelle hat sich leider nicht erfüllt, dafür ist sie seit letztem Jahr stolze Mama. Fibues ist heute 11 Jahre alt und bellt noch immer!  

 

Copyright© Brigitte Pick 2002