Frau
Wallmann läuft mit hochrotem Kopf in ihrer gemütlich eingerichteten Bauernküche
auf und ab und versucht Herd, Backofen und Mikrowelle gleichzeitig zu bedienen.
Ihr Mann Friedrich ist in den Wald gegangen, um einen Baum zu schlagen, er ist Förster,
und Förster dürfen das, glaubt sie.
Der
Gedanke daran, was sie noch alles zu erledigen hat, treibt ihr den Schweiß auf
die Stirn. Frau Wallmann hat die 50 weit überschritten, was man ihr jedoch
nicht ansieht. Sie behauptet, die viele Arbeit im Haus und an der frischen Luft
tue ihr gut und erhalte sie jung. Selbst das Rauchen habe sie vor langer Zeit
eingestellt und auf das Schnäpschen, - den Samtkragen - im Kegelclub verzichte
sie ohnehin. Trotzdem, heute Abend erwartet sie 7 Enkelkinder, 4 Schwiegertöchter
zuzüglich der eigenen Söhne. Mit einem langen Seufzer setzt sie sich auf die
Eckbank, um ein wenig auszuruhen, ihr Blick schweift zur halb geöffneten Tür.
Ja,
da hat er letztes Jahr noch gelegen und sie bei der Arbeit beobachtet. Fiel
etwas ab, sprang er wedelnd auf, doch die Küche betrat er nie, ihr Max.
Frau
Wallmann wird durch stürmisches Klingeln aus dieser Erinnerung gerissen. Vor
dem Haus steht ihre aufgeregte Nachbarin Elfriede in Hausschuhen, tief Luft
holend dazu 3 Worte aus sich heraus pressend: „Woodstock ist weg!“
„Das
auch noch“, denkt Frau Wallmann, schüttelt den Kopf
und bittet sie ins Haus.
„Woodstock
kann doch nicht einfach so verschwinden“, redet Frau Wallmann beruhigend auf
Elfriede ein, „dazu ist er viel zu groß und häss... ich meine auffällig“,
korrigiert sie.
Woodstock
ist ein Hund der „Dritten Art“, das jedenfalls behaupten die Dorfbewohner zu
Recht. Er ist ungefähr 80 cm hoch, um die 150 Pfund schwer und trägt einen
Kopf wie ein Kürbis, an dem zwei unterschiedlich große Ohren angewachsen sind.
Tiefe Stirnfalten überdecken eines der beiden Glubschaugen, und seine
Schlabberlefzen reichen fast an die Platschpfoten, auf denen er sich ab und zu
bewegt. Woodstock sieht aus wie ein Mischmasch aus Walross, Karl Dall und Goofy,
dennoch ein „Pfundskerl“, nur leider mit einem Knacks. Er ist hochgradig
liebestoll, und ihm wird nachgesagt, es sogar im Nachbardorf zu treiben.
Letzteres
nimmt Frau Wallmann zum Anlass, ihre Nachbarin weiter zu beruhigen. „Hör
mal“, sagte sie, „Woodstock ist sicher mal wieder irgendeiner Hündin
hinterher.“ „Nein, nein“, erwidert Elfriede rigoros, „das passiert nur
im Frühjahr und Herbst aber niemals im Winter und nachts schon gar nicht.
Vielleicht ist auch was ganz schreckliches passiert, vielleicht hat ihn der Förster
....“ „Unsinn“, sagt Frau Wallmann, „Woodstock läuft doch keinem Wild
hinterher, träge wie der ist, außerdem kennt Friedrich ihn.“
„Was
soll ich jetzt bloß tun?“ fragt die Nachbarin, „Es muss doch etwas
geschehen.“ Die beiden Frauen beschließen die Polizei, die freiwillige
Feuerwehr, den Lokalsender, den ansässigen Tierarzt sowie alle Nachbarn zu
informieren.
Frau
Wallmann übernimmt die Telefonrolle, doch es hat den Anschein, dass keiner der
Leute über den Anruf begeistert ist, trotzdem versprechen alle sich zu kümmern.
Die Dorfkinder werden sofort aktiv und leiten eine Suchaktion in alle vier
Himmelsrichtungen nach dem Ausreißer ein. Sie lieben Woodstock, obwohl er in
ihre Fahrradschläuche beißt, nur so zum Spaß.
Frau
Wallmann sitzt mit ihrer aufgelösten Nachbarin auf dem Sofa und hört ihr zu.
Schluchzend erzählt Elfriede, dass ihr Mann Ernst-August erst spät in der
Nacht von der Weihnachtsfeier gekommen sei, obendrein die Tür nicht richtig
verriegelt habe, und nur so konnte Woodstock weg. Immer wieder habe sie mit
Ernst-August im Frühjahr und Herbst über eine Kastration diskutiert. Immer
wieder hatte Ernst-August im Frühjahr und Herbst diesen Eingriff energisch
abgelehnt. Aber wie gesagt, jetzt war Winter und alles war anders, und sie redet
und redet.
Beide
Frauen schrecken auf, als das Telefon klingelt. Es ist das Tierheim. Frau
Wallmann drückt ihrer Nachbarin während des Gespräches die Hand, lacht wenig
später und sagt: „Vielen, vielen Dank, er wird sofort abgeholt.“ Erneut
bricht Elfriede in Tränen aus, jetzt vor Freude. „Ja aber wie denn?“
stottert sie, „Ernst-August liegt noch im Bett und du weißt, ich habe keinen
Führerschein.“ Frau Wallmann stellt spontan alle Elektrogeräte aus, holt
ihren Wagen aus der Garage, und beide fahren los.
Es
ist nur wenig Verkehr auf den Straßen, jedoch hatte es geschneit und ein ca. 20
Kilometer langer Weg liegt vor Ihnen. Gedanklich schimpft Frau Wallmann nun über
Woodstock, der ihr die kostbare Zeit stiehlt.
<<
Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie nicht, dass sie diesen Weg an diesem Tag noch
einmal fahren sollte. >>
Der
Tierheimleiter begrüßt die Frauen etwas mürrisch, freut sich aber dennoch
diesen Insassen wieder loszuwerden. Er begleitet beide an mehreren besetzten Käfigen
vorbei in Richtung Woodstock. Frau Wallmann vermeidet es nach rechts oder links
zu sehen, allein das Bellen, Winseln und Gescharre an den Gittern reicht für
eine Gänsehaut.
„Woodstock,
mein Schatz, wie gut dass ich dich wiederhabe“ freut sich die Nachbarin, während
der Tierheimleiter die Zwingertür aufsperrt. Woodstock, offensichtlich außer
sich vor Glück, schlurft auf alle zu, an allen vorbei und für seine Verhältnisse
temperamentvoll zur gegenüberliegenden Käfigreihe. Drei menschliche Köpfe
schnellen herum und gucken fassungslos hinter ihm her. Er stellt sich vor einen
der Käfige, hebt seine Platschpfote, versucht den dicken Schädel zwischen zwei
Gitterstäbe zu quetschen und fängt ein tiefes, sonores Heulen an.
Auch
Frau Wallmann schaut in die Behausung, geht in die Hocke und sieht in zwei
sanfte Augen einer bildschönen Collie-Hündin, die ebenfalls die Pfote hebt,
wie zum Gruß. „Chelsey“, sagt der Tierheimleiter, „das ist Chelsey, 4
Jahre alt und mit Welpen ausgesetzt. Die Jungen waren schnell vermittelt, aber
die Mutter will keiner. Sie ist scheu und deshalb schon über ein halbes Jahr
hier.“
„Hallo kleine Chelsey“, flüstert Frau Wallmann, „bist ein gutes Mädchen.“ Chelsey dreht ihren schlanken Kopf in Richtung der gütigen Stimme und lauscht aufmerksam mit einem Ohrenspiel; ihre Schwanzspitze geht leicht auf und ab während Frau Wallmann weiter zu ihr spricht.
Plötzlich bewegt sich Chelsey vorsichtig zur Käfigtür. Woodstock, der am anderen Ende des Käfigs verweilt, interpretiert diese Gestik vollkommen verkehrt, schwappt über vor Begeisterung und schubst Frau Wallmann einfach um.
Mit
einer Hand umfasst sie einen Stab um sich hoch zu angeln, mit der anderen versucht
sie Woodstock wegzudrücken, was ihr misslingt. In diesem Moment spürt Frau
Wallmann eine feuchte Hundenase, die sacht ihre Hand berührt und ihr wird ganz
warm ums Herz. Sie greift zwischen die Stäbe und krault das dichte seidige
Fell. „Bist sicher lange nicht mehr gestreichelt worden mein Mädchen,“ sagt
sie zärtlich zu Chelsey.
Heimleiter
wie Nachbarin drängen nun zum Aufbruch. Frau Wallmann reibt sich die Augen,
wirft einen letzten bekümmerten Blick auf die Collie-Hündin und verabschiedet
sich.
Während
der Heimfahrt ist es still im Auto, keiner spricht ein Wort. Frau Wallmann muss
sich jetzt auf das Fahren konzentrieren. Die Straßen sind glatt, und jedes Mal,
wenn Woodstock seine Liegeposition im Zwei-Minuten-Takt ändert, gerät der
Wagen fast ins Schleudern.
Am
Hof angekommen empfängt Ernst-August die beiden Frauen inmitten einer Schar
schnatternder Gänse. Vor Jahren hatte er sich ein Gänsepärchen zugelegt um
immer etwas frisches zu Weihnachten im Haus zu haben, doch Elfriede zog die
Tiere liebevoll groß und durchkreuzte seine „Schlachtpläne“. „Wo kommt
ihr denn her“, fragt er hektisch, „was ist passiert?“ „Erzähl ich dir
in Ruhe, nun lass mich erst mal ins Haus“, erwidert Elfriede. Sie befreit
Woodstock aus dem für ihn viel zu kleinen Kombi, umarmt Frau Wallmann herzlich,
wünscht ein frohes Weihnachtsfest und verspricht, sich zu revanchieren.
Kurz
darauf steht Frau Wallmann wieder in ihrer Küche und sieht erschreckt auf die
Uhr. „Du meine Güte“, sagt sie und ruft nach Friedrich. Ihr Mann bastelt,
wie jedes Jahr, an der obligatorisch defekten Lichterkette herum.
„Friedrich!“ sagt sie, wie jedes Jahr, „wann kaufst du endlich eine
neue?“
Frau
Wallmann geht zurück um ihre Arbeit fortzusetzen. Sie bemerkt nicht, dass sie
die Kartoffeln auf Pflaumengröße schält. Sie bemerkt nicht, dass sie die
leere Herdplatte einschaltet, der Kuchen in der Backröhre wird von ihr gänzlich
vergessen. Mechanisch greift sie zu Friedrichs Zigarettenschachtel.
„Möchtest du einen
Samtkragen dazu?“ tönt aus nächster Nähe die vorwurfsvolle Stimme ihres
Mannes. „Nein, nein“, antwortet Frau Wallmann, sie lässt die Schachtel
fallen und bittet ihren Mann, sich zu ihr zu setzen. In wenigen Minuten sprudelt
ein Vierstundenerlebnis aus ihrem Mund, wie ein Wasserfall. Friedrich hört
seiner Frau aufmerksam zu und sieht sie dabei unverwandt an. „Wie jung sie
doch wirkt“, denkt er, steht unwillkürlich auf und geht aus dem Raum. „Hörst
du mir etwa nicht zu Friedrich?“ fragt sie kurze Zeit darauf erbost und stellt
fest, dass er mit Mantel samt Schal bekleidet zurückkommt. „Wo willst Du
hin?“ fragt sie. „Komm“, sagt er, „zieh dir was über, ich hab noch
etwas zu besorgen.“
Ein
Jahr später:
Frau
Wallmann läuft mit hochrotem Kopf in ihrer gemütlich eingerichteten Bauernküche
auf und ab und versucht Herd, Backofen und Mikrowelle gleichzeitig zu bedienen,
während ihr Mann die Lichterkette repariert. Der Gedanke an letztes Jahr,
treibt ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie schaut aus dem Fenster und sieht
Woodstock auf dem eingezäunten Nachbargrundstück mit einem Autoreifen spielen.
„Die Kastration letzten Monat hat er sichtlich gut überstanden“, stellt sie
fest und wird schlagartig ruhiger. Mit einem langen Seufzer setzt sie sich auf
die Eckbank um ein wenig auszuruhen. Ihr Blick schweift zur halb geöffneten Tür.
„Komm
her mein Mädchen!“ ruft Frau Wallmann. Freudig und ausgelassen springt
Chelsey auf sie zu. Im selben Augenblick ertönt im Hintergrund ein tiefes,
sonores „Wuff“ und eine Lichterkette fällt aus zwei Schlabberlefzen ca. 80
cm tief auf den Steinboden.
„Kojak!“
hört sie ihren Mann wütend brüllen und wenig später klappt die Autotür.
„Sicher
hat er noch etwas zu besorgen“, sagt sie zu Chelsey und lächelt.

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