Chelsey

05. November 2000

 

Heilig Abend, 10 Uhr morgens:

Frau Wallmann läuft mit hochrotem Kopf in ihrer gemütlich eingerichteten Bauernküche auf und ab und versucht Herd, Backofen und Mikrowelle gleichzeitig zu bedienen. Ihr Mann Friedrich ist in den Wald gegangen, um einen Baum zu schlagen, er ist Förster, und Förster dürfen das, glaubt sie.  

Der Gedanke daran, was sie noch alles zu erledigen hat, treibt ihr den Schweiß auf die Stirn. Frau Wallmann hat die 50 weit überschritten, was man ihr jedoch nicht ansieht. Sie behauptet, die viele Arbeit im Haus und an der frischen Luft tue ihr gut und erhalte sie jung. Selbst das Rauchen habe sie vor langer Zeit eingestellt und auf das Schnäpschen, - den Samtkragen - im Kegelclub verzichte sie ohnehin. Trotzdem, heute Abend erwartet sie 7 Enkelkinder, 4 Schwiegertöchter zuzüglich der eigenen Söhne. Mit einem langen Seufzer setzt sie sich auf die Eckbank, um ein wenig auszu­ruhen, ihr Blick schweift zur halb geöffneten Tür.

Ja, da hat er letztes Jahr noch gelegen und sie bei der Arbeit beobachtet. Fiel etwas ab, sprang er wedelnd auf, doch die Küche betrat er nie, ihr Max.

Frau Wallmann wird durch stürmisches Klingeln aus dieser Erinnerung gerissen. Vor dem Haus steht ihre aufgeregte Nachbarin Elfriede in Hausschuhen, tief Luft holend dazu 3 Worte aus sich heraus pressend: „Woodstock ist weg!“

„Das auch noch“, denkt Frau Wallmann, schüttelt den Kopf  und bittet sie ins Haus.

„Woodstock kann doch nicht einfach so verschwinden“, redet Frau Wallmann beruhigend auf Elfriede ein, „dazu ist er viel zu groß und häss... ich meine auffällig“, korrigiert sie.  

Woodstock ist ein Hund der „Dritten Art“, das jedenfalls behaupten die Dorfbewohner zu Recht. Er ist ungefähr 80 cm hoch, um die 150 Pfund schwer und trägt einen Kopf wie ein Kürbis, an dem zwei unterschiedlich große Ohren angewachsen sind. Tiefe Stirnfalten überdecken eines der beiden Glubschaugen, und seine Schlabberlefzen reichen fast an die Platschpfoten, auf denen er sich ab und zu bewegt. Woodstock sieht aus wie ein Mischmasch aus Walross, Karl Dall und Goofy, dennoch ein „Pfundskerl“, nur leider mit einem Knacks. Er ist hochgradig liebestoll, und ihm wird nachgesagt, es sogar im Nachbardorf zu treiben.

Letzteres nimmt Frau Wallmann zum Anlass, ihre Nachbarin weiter zu beruhigen. „Hör mal“, sagte sie, „Woodstock ist sicher mal wieder irgendeiner Hündin hinterher.“ „Nein, nein“, erwidert Elfriede rigoros, „das passiert nur im Frühjahr und Herbst aber niemals im Winter und nachts schon gar nicht. Vielleicht ist auch was ganz schreckliches passiert, vielleicht hat ihn der Förster ....“ „Unsinn“, sagt Frau Wallmann, „Woodstock läuft doch keinem Wild hinterher, träge wie der ist, außerdem kennt Friedrich ihn.“

„Was soll ich jetzt bloß tun?“ fragt die Nachbarin, „Es muss doch etwas geschehen.“ Die beiden Frauen beschließen die Polizei, die freiwillige Feuerwehr, den Lokalsender, den ansässigen Tierarzt sowie alle Nachbarn zu informieren.  

Frau Wallmann übernimmt die Telefonrolle, doch es hat den Anschein, dass keiner der Leute über den Anruf begeistert ist, trotzdem versprechen alle sich zu kümmern. Die Dorfkinder werden sofort aktiv und leiten eine Suchaktion in alle vier Himmelsrichtungen nach dem Ausreißer ein. Sie lieben Woodstock, obwohl er in ihre Fahrradschläuche beißt, nur so zum Spaß.  

Frau Wallmann sitzt mit ihrer aufgelösten Nachbarin auf dem Sofa und hört ihr zu. Schluchzend erzählt Elfriede, dass ihr Mann Ernst-August erst spät in der Nacht von der Weihnachtsfeier gekommen sei, obendrein die Tür nicht richtig verriegelt habe, und nur so konnte Woodstock weg. Immer wieder habe sie mit Ernst-August im Frühjahr und Herbst über eine Kastration diskutiert. Immer wieder hatte Ernst-August im Frühjahr und Herbst diesen Eingriff energisch abgelehnt. Aber wie gesagt, jetzt war Winter und alles war anders, und sie redet und redet.

Beide Frauen schrecken auf, als das Telefon klingelt. Es ist das Tierheim. Frau Wallmann drückt ihrer Nachbarin während des Gespräches die Hand, lacht wenig später und sagt: „Vielen, vielen Dank, er wird sofort abgeholt.“ Erneut bricht Elfriede in Tränen aus, jetzt vor Freude. „Ja aber wie denn?“ stottert sie, „Ernst-August liegt noch im Bett und du weißt, ich habe keinen Führerschein.“ Frau Wallmann stellt spontan alle Elektrogeräte aus, holt ihren Wagen aus der Garage, und beide fahren los.

Es ist nur wenig Verkehr auf den Straßen, jedoch hatte es geschneit und ein ca. 20 Kilometer langer Weg liegt vor Ihnen. Gedanklich schimpft Frau Wallmann nun über Woodstock, der ihr die kostbare Zeit stiehlt.

<< Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie nicht, dass sie diesen Weg an diesem Tag noch einmal fahren sollte. >>  

Der Tierheimleiter begrüßt die Frauen etwas mürrisch, freut sich aber dennoch diesen Insassen wieder loszuwerden. Er begleitet beide an mehreren besetzten Käfigen vorbei in Richtung Woodstock. Frau Wallmann vermeidet es nach rechts oder links zu sehen, allein das Bellen, Winseln und Gescharre an den Gittern reicht für eine Gänsehaut.

„Woodstock, mein Schatz, wie gut dass ich dich wiederhabe“ freut sich die Nachbarin, während der Tierheimleiter die Zwingertür aufsperrt. Woodstock, offensichtlich außer sich vor Glück, schlurft auf alle zu, an allen vorbei und für seine Verhältnisse temperamentvoll zur gegenüberliegenden Käfigreihe. Drei menschliche Köpfe schnellen herum und gucken fassungslos hinter ihm her. Er stellt sich vor einen der Käfige, hebt seine Platschpfote, versucht den dicken Schädel zwischen zwei Gitterstäbe zu quetschen und fängt ein tiefes, sonores Heulen an.

Auch Frau Wallmann schaut in die Behausung, geht in die Hocke und sieht in zwei sanfte Augen einer bildschönen Collie-Hündin, die ebenfalls die Pfote hebt, wie zum Gruß. „Chelsey“, sagt der Tierheimleiter, „das ist Chelsey, 4 Jahre alt und mit Welpen ausgesetzt. Die Jungen waren schnell vermittelt, aber die Mutter will keiner. Sie ist scheu und deshalb schon über ein halbes Jahr hier.“  

„Hallo kleine Chelsey“, flüstert Frau Wallmann, „bist ein gutes Mädchen.“ Chelsey dreht ihren schlanken Kopf in Richtung der gütigen Stimme und lauscht aufmerksam mit einem Ohrenspiel; ihre Schwanzspitze geht leicht auf und ab während Frau Wallmann weiter zu ihr spricht.

Plötzlich bewegt sich Chelsey vorsichtig zur Käfigtür. Woodstock, der am anderen Ende des Käfigs verweilt, interpretiert diese Gestik vollkommen verkehrt, schwappt über vor Begeisterung und schubst Frau Wallmann einfach um.

Mit einer Hand umfasst sie einen Stab um sich hoch zu angeln, mit der anderen versucht sie Woodstock wegzudrücken, was ihr misslingt. In diesem Moment spürt Frau Wallmann eine feuchte Hundenase, die sacht ihre Hand berührt und ihr wird ganz warm ums Herz. Sie greift zwischen die Stäbe und krault das dichte seidige Fell. „Bist sicher lange nicht mehr gestreichelt worden mein Mädchen,“ sagt sie zärtlich zu Chelsey.

Heimleiter wie Nachbarin drängen nun zum Aufbruch. Frau Wallmann reibt sich die Augen, wirft einen letzten bekümmerten Blick auf die Collie-Hündin und verabschiedet sich.  

Während der Heimfahrt ist es still im Auto, keiner spricht ein Wort. Frau Wallmann muss sich jetzt auf das Fahren konzentrieren. Die Straßen sind glatt, und jedes Mal, wenn Woodstock seine Liegeposition im Zwei-Minuten-Takt ändert, gerät der Wagen fast ins Schleudern.

Am Hof angekommen empfängt Ernst-August die beiden Frauen inmitten einer Schar schnatternder Gänse. Vor Jahren hatte er sich ein Gänsepärchen zugelegt um immer etwas frisches zu Weihnachten im Haus zu haben, doch Elfriede zog die Tiere liebevoll groß und durchkreuzte seine „Schlachtpläne“. „Wo kommt ihr denn her“, fragt er hektisch, „was ist passiert?“ „Erzähl ich dir in Ruhe, nun lass mich erst mal ins Haus“, erwidert Elfriede. Sie befreit Woodstock aus dem für ihn viel zu kleinen Kombi, umarmt Frau Wallmann herzlich, wünscht ein frohes Weihnachtsfest und verspricht, sich zu revanchieren.

Kurz darauf steht Frau Wallmann wieder in ihrer Küche und sieht erschreckt auf die Uhr. „Du meine Güte“, sagt sie und ruft nach Friedrich. Ihr Mann bastelt, wie jedes Jahr, an der obligatorisch defekten Lichterkette herum. „Friedrich!“ sagt sie, wie jedes Jahr, „wann kaufst du endlich eine neue?“

Frau Wallmann geht zurück um ihre Arbeit fortzusetzen. Sie bemerkt nicht, dass sie die Kartoffeln auf Pflaumengröße schält. Sie bemerkt nicht, dass sie die leere Herdplatte einschaltet, der Kuchen in der Backröhre wird von ihr gänzlich vergessen. Mechanisch greift sie zu Friedrichs Zigarettenschachtel.

„Möchtest du einen Samtkragen dazu?“ tönt aus nächster Nähe die vorwurfsvolle Stimme ihres Mannes. „Nein, nein“, antwortet Frau Wallmann, sie lässt die Schachtel fallen und bittet ihren Mann, sich zu ihr zu setzen. In wenigen Minuten sprudelt ein Vierstundenerlebnis aus ihrem Mund, wie ein Wasserfall. Friedrich hört seiner Frau aufmerksam zu und sieht sie dabei unverwandt an. „Wie jung sie doch wirkt“, denkt er, steht unwillkürlich auf und geht aus dem Raum. „Hörst du mir etwa nicht zu Friedrich?“ fragt sie kurze Zeit darauf erbost und stellt fest, dass er mit Mantel samt Schal bekleidet zurückkommt. „Wo willst Du hin?“ fragt sie. „Komm“, sagt er, „zieh dir was über, ich hab noch etwas zu besorgen.“ 

Ein Jahr später:

Frau Wallmann läuft mit hochrotem Kopf in ihrer gemütlich eingerichteten Bauernküche auf und ab und versucht Herd, Backofen und Mikrowelle gleichzeitig zu bedienen, während ihr Mann die Lichterkette repariert. Der Gedanke an letztes Jahr, treibt ihr den Schweiß auf die Stirn. Sie schaut aus dem Fenster und sieht Woodstock auf dem eingezäunten Nachbargrundstück mit einem Autoreifen spielen. „Die Kastration letzten Monat hat er sichtlich gut überstanden“, stellt sie fest und wird schlagartig ruhiger. Mit einem langen Seufzer setzt sie sich auf die Eckbank um ein wenig auszuruhen. Ihr Blick schweift zur halb geöffneten Tür.

„Komm her mein Mädchen!“ ruft Frau Wallmann. Freudig und ausgelassen springt Chelsey auf sie zu. Im selben Augenblick ertönt im Hintergrund ein tiefes, sonores „Wuff“ und eine Lichterkette fällt aus zwei Schlabberlefzen ca. 80 cm tief auf den Steinboden.

„Kojak!“ hört sie ihren Mann wütend brüllen und wenig später klappt die Autotür.

„Sicher hat er noch etwas zu besorgen“, sagt sie zu Chelsey und lächelt.  


  Zeichnung Brigitte Pick

 

Copyright© Brigitte Pick 2002