Einmal Kuvasz, immer Kuvasz?
 
28. Dezember 1992

 
 
JA! Aber manchmal auch nein?
 
Warum ja?
Weil diese Rasse, und an dieser Stelle gebührt vielen Züchtern ein großes Lob, in ihrer Natürlichkeit bewahrt wurde. Der Kuvasz ist in meinen Augen faszinierend, er ist klug, vereinzelt zu klug, er ist ein ausgesprochen angenehmer Lebensgefährte und in seiner Gesamterscheinung bestechend schön, er strahlt Ruhe aus, die mir gut tut, er zeigt Temperament, das mir gefällt, er passt sich meinem Lebensrhythmus an und ich mich dem seinen, ich fühle mich wohl in seiner Nähe, er gibt mir Sicherheit.

Zugegeben, jeder, der einen Hund einer bestimmten Rasse besitzt, ist natürlich in diese vernarrt und preist sie an. Also, wäre ich Mopsbesitzer, würde ich Möpse lieben, und das ist gut so. Aber ich liebe nun mal den Kuvasz, und das ist besser.

Warum manchmal nein?
Nun, ich denke, da gibt es pflegeleichteres, nicht im Sinne der Fellpflege - diese sicherlich auch - gemeint ist hier eine andere, die Sorgsamkeit der Erziehung dieses charakterstarken Hundes mit seiner ausgesprochen individuellen Persönlichkeitsstruktur. Simpel ausgedrückt: Er tut was er will! Ja, er tut wirklich was er will, es ist ihm schwerlich auszureden, Diskussionen sind ihm fremd, präzisiert: „Zwischen einem Hund und einem Kuvasz liegen Welten“, und damit ist schon alles gesagt. Knapp 5 Jahre ist es her, als wir unsere kleine Kuvaszdame ab- holten, und ich erinnere mich noch genau an die Worte einer Züchterin: „Die Erziehung eines Kuvasz ist eine Herausforderung!“
 
Übertreibungsabsicht dachte ich, bin doch schließlich hundeerfahren, hatte einen Mischling und später einen Colli-Rüden, es gab nie Probleme. Wer sollte Recht behalten? Nach einer Zeit gab ich folgende telefonische Meldung: Erzieherische Probleme sind ausgeblieben. Sie ist sauber, sie bleibt schon alleine, macht nichts kaputt, kann schon fast Sitz, springt nicht ins Bett, man kann ihr alles wegnehmen, sie kommt, wenn man sie ruft,  läuft nicht weg, ein total lieber Hund! Dieses Gespräch nahm meine „Kleine“ offensichtlich zum Anlass, alles, bis auf die Sauberkeit, zu korrigieren, und die Herausforderung an mich war vorprogrammiert. Auch die zweite Prophezeiung sollte sich bewahrheiten:  
„Die Erziehung eines Kuvasz hört nie ganz auf“
in Gestalt eines ab und an kleinen harmlosen Machtkampfes, der sich spielerisch ankündigt, und von mir weder über- noch unterschätzt wird. Dieses Rangimponiergehabe endet immer mit  einem „Match Point“ für mich, und so sollte es auch sein  

Vor knapp 3 ½  Jahren kam eine erneute Herausforderung ins Haus, ein damals fast zweijähriger Kuvaszrüde aus dritter Hand, der sich nach kurzer Eingewöhnung bei uns in seine pubertäre Phase zurückentwickelte. „Ein erwachsener Welpe“ sozusagen und alles ging von vorne los. Nein, so schlimm war es nun doch nicht. Er war und ist mit Abstand einfacher zu händeln, als die Hündin. Eine neue Erfahrung für mich dem „Kuvaszkenner“, da ich doch der festen Meinung war, Rüden seien schwieriger, zudem auch oftmals behauptet wird: „Fange nie mit einem Rüden an, Dein erster Kuvasz sollte eine Hündin sein“.

Nun, darüber möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter äußern, da ich eine andere Erfahrung gemacht habe. Eine Erfahrung, die sich unterscheidet zwischen Sanftmut und Frechheit, Gehorsam und Starrsinn, Naivität und Gerissenheit, standardmäßig typvoll und weniger typvoll und für mich trotzdem die Schönste.

Bevor ich ein Beispiel der Gerissenheit schildere, möchte ich nun doch noch auf „den typvollen Kuvasz“ eingehen. Sicherlich kann jeder Kuvaszbesitzer stolz sein, wenn er ein besonders schönes „Exemplar“ dieser Rasse besitzt. Und ist man an der Kuvaszzucht interessiert und möchte sogar mitmi­schen, dann ist die Notwenigkeit der Ausstellungsbesuche nun mal gegeben. Das soll aber nicht heißen, das man seinen erfolggekrönten Hund nun immer und immer wieder von einer Schau zur anderen schleppt, was absolut schnell angehen kann, da es letztendlich für den Menschen ein Triumph ist, wenn der eigene Hund siegt. Klartext gesprochen: Jeder, der seinen Hund zum Gefecht der CACIB's meldet, hofft auf eine gute bis spitzenmäßige Platzierung. Tritt diese nicht ein, macht sich, je nach Mentalität, gar keine, eine leichte oder schwere Frustration breit. Hier überhaupt keinen Missmut aufzuweisen, ist allemal das Klügste.

Der weniger typvolle Kuvasz ist gekennzeichnet durch Abweichungen von der Norm, die der Rasse- und Zuchtverband vorschreibt. Diese Auflage ist für mich zwar von Bedeutung, dennoch nicht übergewichtig. Der Maßstab Charakter und Gesundheit ist ausschlaggebend, die Optik sollte zweitrangig sein. In der Tat, kein Kuvasz läuft auf seinen Locken!

Beispiel der Gerissenheit:

Tatort: Frühstückstisch
Tatzeit: Sonntagmorgen

Während alle dahinschlemmern stürmt meine Hündin plötzlich mit krakeelerisch boshaftem Gebelle zur Haustür.

Was war passiert? Auch wir machen uns auf den Weg und gucken und gucken und gucken. Unterbrochen wurde diese Observierung durch scheppernde Geräusche aus dem Küchenbereich. War das Zufall? Nein, wenig später lief sie Richtung Terrassentür und ein erneutes mal Richtung Büro. Sie hatte gelernt, wir nicht (Der Rüde hat auch gelernt!) .

Einige wenige Erziehungsfehler wurden mir im nachhinein sehr deutlich, es wurde nicht alles hundertprozentig eingehalten, wozu mir damals geraten wurde, auch habe ich nicht nach Buch, sondern mit Gespür und viel Verständnis erzogen und alles kann ich nicht falsch gemacht haben, denn ich lebe mit einem Kuvaszpärchen unter einem Dach, das zwar gegensätzlich erscheint, sich aber dennoch ergänzt im Ausdruck der Freude, der Anlehnungsbedürftigkeit, der Verbundenheit und Zuneigung zum Menschen. Ich würde es mir nicht anders wünschen.

Auch nicht beim nächsten Mal.  

 

Copyright© Brigitte Pick 2002