Die unendliche Geschichte der Zucht
aus Sicht
eines „erfahrenen“ Nichtzüchters
15.
Februar 1994
In
Kapitel I befassten wir uns mit wichtigen Details über Züchter. Jetzt kommen
wir zu einem weitaus interessanteren Thema, denn, und das dürfte klar sein:
Kein
Zuchttier = kein Züchter!
Ich
hoffe, Sie können mir folgen! Das Wichtigste hierbei ist (wie im richtigen
Leben) ein weibliches Zuchttier. Gehen wir nun davon aus, Sie besitzen eines,
dann geht es in die zweite Phase, in eine Phase, die Sie charakterlich stark prägen
wird, Sie werden Mitglied in einem Verein (es geht auch ohne, aber mit ist
billiger).
Ein
Verein bietet einem alles, was man sich nur wünschen kann. Er bietet
Freundschaften, Gaudi, Informationen, in- und externe Treffen sowie
Unterhaltung.
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Hier
ein Beispiel der Unterhaltung: Man
sucht sich eine Zielperson aus und wählt diese an. Nachdem man sie mit
Banalitäten zur Genüge gelangweilt hat, erwähnt man so ganz nebenbei:
„Hast Du schon gehört?“ Diese Frage ruft eine echte Spannung hervor
und man hört Ihnen jetzt schon interessierter zu! „Der neue Hund der
Familie ... hat ein Ringelschwänzchen!“
es würde allerdings keine Resonanz erfolgen, wenn nicht der Zaubercode
hinzugefügt würde: |
„Aber bitte, das bleibt unter uns!“ |
Meine
Damen und Herren, jetzt wird’s spannend, jetzt passiert’s: In diesem Moment
wird ein äußerst kompliziertes Nachrichtensystem auf wunderbare Weise voll
aktiviert. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Familie ...
ein paar Stunden später, wahrscheinlich sogar eher, einen Anruf erhalten, der
dann so lauten könnte: „Was habe ich erfahren, Ihr habt Euch ein Schwein
zugelegt?“
Das
ist faszinierend! Das ist der helle Wahnsinn! Das ist Vereinsleben!
Nun
war ich sehr erschrocken, als mir zu Ohren kam, dass diese mit viel Liebe, Mühe
und Erfahrung aufgebaute System von einigen „Wenigen“ nicht verstanden wird,
und so die leidige Idee entstanden sein soll, doch künftig
Konferenzschaltungen, die diesem Zwecke dienlich sind, zu beantragen. Meine
Damen und Herren, so nicht!
Das wäre ein Affront gegen jede „vernünftige“ und „ehrliche“
Vereinskommunikation.
Selbstverständlich
braucht jeder Verein (nicht nur Hundevereine) eine natürliche Führung sowie
Personen, die offizielle Vereinsämter bekleiden, und zwar ehrenamtlich.
Klartext: Viel Arbeit, keine Kohle.
Aber
nun zur Hierarchie und den Ämtern in Hundevereinen:
In
jedem Verein, ähnlich wie in der Politik, gibt es einen demokratisch gewählten
Chef, der dem jeweiligen Verein vorsitzt. Wie der Name unschwer erkennen lässt,
sitzt dieser immer davor oder steht sogar dahinter.
Darüber
hinaus gibt es eine Geschäftsleitung, die gemeinsam mit dem Chef die
Verantwortung trägt, ähnlich einem Gesellschafter mit beschränkter Haftung.
Weiter
gibt es den Kassenwart oder Schatzmeister, der den ganzen Vereinsschotter
verwaltet und sich verpflichtet, ihn Tag und Nacht zu bewachen, und ihn, wenn nötig,
sogar verteidigt.
Dann
gibt es noch den Pressewart, der sich in regelmäßigen Abständen die Nächte
um die Ohren schlägt und die Fachzeitung nicht immer pünktlich herausgeben
kann, da einige seiner Redaktionsangestellten unverschämter Weise auch
andersartigen Interessen nachgehen.
Die
Zuchtleitung leitet die komplette Zucht und hält immer eine
direkte Leitung aufrecht zu den Zuchtwarten, die wiederum ständig
darauf warten, dass Sie, lieber Züchter, endlich in die Gänge kommen.
Hinzu
kommt noch eine Welpenvermittlungsstelle. Dieses Amt beinhaltet sehr viel
Hunde-, Sach- und Menschenkenntnis.
Nun
haben Sie und Ihr Hund (Hündin) schon eine Menge Voraussetzungen erfahren, erfüllt
und dazu gelernt.
Voraussetzung
1: Eine
ordentliche HD-Auswertung setzen wir voraus.
Voraussetzung
2: Zwei
Ausstellungen mit mindestens sehr guter (SG) Beurteilung.
Hier
einige Tipps, wie Sie diese am unkompliziertesten und auf dem schnellsten Wege
erreichen können:
Sie
suchen und finden Ausstellungen, auf denen maximal 4 Hunde gemeldet sind, sowie
Zuchtrichter, deren guten Geschmack Sie Wochen zuvor eingehend studieren
konnten.
Sie
betreten nun locker-lässig, sympathisch lächelnd, ordentlich gekleidet und gekämmt
(also stinknormal) den Ring. Ihren Hund nehmen Sie einfach mit.
Stopfen
Sie sich eine Schweinshaxe zwischen die Zähne; nur so schenkt Ihnen Ihr Hund
die nötige Aufmerksamkeit.
Missversteht
das Ihr Hund, zögern Sie nicht, geben Sie Gas, fangen Sie ihn ein und nehmen
ihm die Haxe wieder ab. Behandeln Sie ihre Bissverletzung!
Es
folgt die Einzelbewertung.
1.
Der Richter will den Rachen sehen:
Nein,
nicht Ihren. Finden Sie einen Stock, klemmen Sie diesen vertikal in die
Hundeschnauze. Sie erzwingen so eine natürliche Maulsperre. Versäumen Sie
nicht, diese anschließend wieder zu lösen!
2.
Der Hund muss die Zähne zeigen:
Boykottiert er das, dann fordern
Sie den Richter unverzüglich auf, Ihren Hund so lange zu ärgern, bis er das
von alleine tut.

3.
Der Hund muss ein gutes Standbild abgeben:
Das
heißt: Er muss mindestens auf 4 Pfoten stehen. Gibt es Probleme, (er steht
vorne über Kreuz und hinten als hätte er sich einen Wolf gelaufen) drehen Sie
sich mit Hund mehrfach um die eigene Achse. Ist Ihnen das ohne dabei umzufallen
gelungen, und Ihr Hund steht wie ein Hund, sind Sie ein Aussteller-Genie.
4.
Der Hund muss eine korrekte Ohrenhaltung aufweisen:
Das
heißt: Er muss mit seinen Ohren einen wachsamen und interessierten
Gesamteindruck vortäuschen. Engagieren Sie einen ihm unsympathischen Menschen,
der ihn außerhalb des Ringes zur Weißglut treibt, oder aber Sie finden eine
intelligente Person, die sein Quietsche-Entchen betätigen kann.
5.
Es folgt die Platzierung! Vertrauen Sie Ihrem Deo! Stehen Sie und Ihr
Hund nicht auf dem Siegertreppchen, randalieren Sie nicht. Setzen Sie ein gequält
verlogenes Lächeln auf und gratulieren Sie dem verhassten gegnerischen
Aussteller per Handschlag. Beschimpfen Sie ihn später
6.
Studieren Sie den Richterbericht. Holen Sie tief Luft. Züchtigen sie den
Zuchtrichter nicht in aller Öffentlichkeit. Fangen Sie ihn draußen ab.
Und
dann kommt der große Tag, der Hund (die Hündin) wird angekört. Eine erlesene,
vereinseigene Kör-Kommission übernimmt diese schwere Aufgabe. Es wird zum
Beispiel geguckt, ob Ihr Hund (Hündin) Kontaktlinsen trägt, zwei Ruten hat, ob
er ein natürlich gewachsenes oder künstliches Gebiss trägt, ob er alles in
allem typisch, urtypisch oder atypisch ist oder nur entfernte Ähnlichkeit mit
der Rasse aufweist.
Ist
das überstanden, läuft alles weitere wie geschmiert. Ihr Zwinger –
mittlerweile namentlich prominent – erhält eine Zwingerabnahme. Eigentlich müsste
es Zwingerinspektion heißen, da man glauben könnte, eine Abnahme bedeutet
gleichzeitig eine Veräußerung an Dritte. Aber keine Angst, lieber Züchter,
das heißt es nicht, Ihr Zwinger wird Ihnen nicht geklaut. Ihr Zwinger wird nur
beäugt und für sehr gut, schlecht oder sauschlecht befunden. Es ist daher
immer ratsam, sich und den Zwinger optimal zu präsentieren und ausnahmsweise
auch in der Wohnung ein bisschen aufzuräumen, da sich die Kommission auch
dorthin verirren könnte. Darüber hinaus sollten Sie vielleicht hergehen und
Ihre nicht sorgfältig angelegten Beete sowie den von Unkraut übersäten
englischen Rasen in Ordnung bringen, da immer darauf geachtet wird, ob die
Welpen einer artgerechten Beschäftigung nachgehen können.
Ist
das nun auch überstanden, geht es in die dritte, in die „Ich-weiß-wovon-ich-rede-Phase“,
das Decken. Die Hündin ist läufig, und ein Deckrüde, der den oben genannten
Anforderungen ebenfalls entsprechen muss, muss her. Quatsch! Das wäre zu
einfach. Der Rüde muss nicht her, Ihre Hündin muss hin. Wohnt der auserwählte
Rüde in der direkten Nachbarschaft, dann ist es gut. Wenn nicht, kaufen Sie
sich einen. Wenn auch nicht, beantragen Sie bei Ihrem Arbeitgeber bezahlten
Sonderurlaub. Bei Ablehnung besorgen Sie sich einen gelben Schein.
Haben
Sie, lieber Züchter, das Decken ohne Nervenzusammenbruch überstanden, geht das
erschöpfende Warten los. Kommt Nachwuchs oder ist die Hündin – im Fachjargon
– leer geblieben? Das heißt nicht, dass Ihre Hündin hohl ist. Nach ca. 23
Tagen können sehr gute Fachärzte das tasten und dann mitteilen: SIE IST! (trächtig)
Der
Jubel ist groß, alle Unannehmlichkeiten sind vergessen, die Welt scheint wieder
in Ordnung. Sie sind nur noch auf ein gewisses Thema ansprechbar. Sie haben
keine Zeit für Alltäglichkeiten, da Sie Wichtigeres zu tun haben. Die Hündin
wird ab sofort mit Argusaugen beobachtet und, wenn möglich, in Watte gepackt.
Die Tierarztrechnung schnellt drastisch in die Höhe, da Sie jetzt ein Züchter
sind, sehr phantasievoll reagieren können und Dinge sehen, die doch nicht
vorhanden sind. Ebenso die Telefonkosten. Dauergespräche mit Zuchtprofis
bestimmen Ihren und deren Tagesablauf.
Ab
ca. dem 59. Tag wird’s wieder enorm spannend. Es zeigen sich bei Ihnen ähnliche
Symptome wie bei werdenden Vätern. Sie sind nicht mehr Sie selbst, verfallen
einer totalen Unruhe, greifen zur Tablette, erhöhen unter Umständen den
Zigarettenkonsum und drehen fast durch. Darüber hinaus finden Sie keinen
Schlaf, da Sie Ihrer Hündin überall und immerzu hinterher dackeln und ihr derb
auf den Keks gehen. Erfahrungsgemäß bleibt das so bis zu dem Moment, da das
letzte Hundebaby das Licht der Welt erblickt hat.
P.S.:
Liebe Leser, ich danke Ihnen für Ihr unendliches
Interesse, und Sie können sich denken, dass dieser Sachverhalt nicht ganz frei
erfunden wurde. Allerdings sind Ähnlichkeiten mit unserem Verein und dessen
Mitgliedern rein zufällig, selbstverständlich nicht gewollt und wenn doch,
dann wie immer nicht ganz ernst zu nehmen!

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